Kleinstaaten und Völkerrecht

Bei einer unserer Veranstaltungen zu Ehren von Raoul Wallenberg in diesem Herbst stand ein Herr im Publikum auf. Er behauptete, dass das, was 1944 mit der jüdischen Bevölkerung in Ungarn geschah, nicht nur mit der deutschen Besatzung des Landes zu tun gehabt hätte. Er meinte, es habe im damaligen Ungarn sowohl einen ungarischen „Faschismus“ als auch einen ungarischen Antisemitismus gegeben.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass es in Ungarn einen Antisemitismus mit tiefen historischen Wurzeln und auch eine einheimische Nazipartei gegeben hat, die dann im Schutze der deutschen Besatzung im Oktober 1944 an die Macht kommen und besonders brutal gegen die Juden in Budapest vorgehen sollte.

Wer aber versucht, die Ausrottung der ungarischen Juden mit dem einheimischen Antisemitismus zu erklären, betreibt Augenwischerei. Weil Hitler Ungarn nicht vertraute, besetzte Nazideutschland im März 1944 das Land. Es gibt im Archiv des schwedischen Außenministeriums gute Belege für die Treibjagd auf die jüdische Bevölkerung, mit der die Besatzungsmacht am ersten Tag der Besetzung begann. Die Deportationen in die Todeslager in Polen begannen im Mai 1944, und schon als Wallenberg Anfang Juli in Budapest ankam, hatte der ländliche Raum in Ungarn – jedoch nicht Budapest – seine jüdische Bevölkerung verloren.

Dem Fragesteller im Felleshus der Nordischen Botschaften war möglicherweise nicht bewusst, dass er einen schwedischen Nerv berührte. Es mag sein, dass sich Ungarn zuvor im Zweiten Weltkrieg an Deutschlands Seite gestellt hatte. Als das Land dann 1943 begann, im Verborgenen Unterhändler für einen separaten Frieden mit den Westalliierten auszusenden, war das natürlich eine direkte Konsequenz daraus, dass nach Stalingrad offensichtlich war, dass Deutschland den Krieg verlieren würde.

Hitler duldete eine solche Entwicklung wie damals in Ungarn nicht. Die ungarische Staatsführung versuchte in dieser Situation, ein Recht auszuüben, das jedem Land zusteht: das Recht, ohne Gewalt oder Gewaltbedrohung durch andere Staaten seinen eigenen Weg zu gehen. An diesem Recht hat Schweden zu allen Zeiten stark festgehalten. Es wird durch das Völkerrecht gestützt. Übergriffe von Großmächten auf Kleinstaaten zu relativieren ist niemals hilfreich.

Es war nicht leicht, ein kleines Land im Schatten von Nazideutschland zu sein. Es war nicht leicht für Schweden. Es war auch nicht leicht für Ungarn.

 


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