Das “Deutschlandbild”

In Schweden und im schwedischen Außenministerium beschäftigen wir uns viel mit dem Schwedenbild. Wie wird Schweden im Ausland wahrgenommen? Können wir im Außenministerium etwas tun, um das Schwedenbild zu beeinflussen?

Ich weiß nicht genau, welche Überlegungen es auf deutscher Seite  zum „Deutschlandbild“ gibt. Aber ein wichtiger Aspekt des Deutschlandbilds im Ausland – auch in Schweden – ist, dass Deutschland auf einem Gebiet den meisten voraus ist,  nämlich darin, die eigene Geschichte aufzuarbeiten und Lehren aus ihr zu ziehen.

Daran musste ich denken, als ich in die Diskussionen über die deutsche Vergangenheit hineinhörte, die die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur veranstaltet. Die Grundidee erscheint einfach: Wie sollen wir gemeinsam in die Zukunft gehen können, wenn wir nicht offen miteinander über die Probleme sprechen, die in der deutschen Nachkriegsgeschichte liegen, in der aufgezwungenen deutschen Teilung und der Diktatur im einen Teil Deutschlands?

Diese Frage wurde auch gestellt, als ich vor einiger Zeit das Stasi-Archiv besuchte, wo ich den Beauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, traf, und einige der 111 Regalkilometer Akten sehen konnte, die im Stasi-Archiv aufbewahrt werden. In einem Raum saßen Mitarbeiter Roland Jahns, die Dokumente zusammensetzten, die von den Verantwortlichen des Geheimdienstes in der Endphase zerrissen worden waren.

Woran ich aber denken musste, als ich das Stasi-Archiv wieder verließ, war mein eigenes Land. Wir haben keine so schwierige Vergangenheit im 20. Jahrhundert wie Deutschland. Und doch hat auch das 20. Jahrhundert in Schweden seine dunklen Schatten. Fragen, die an diese dunklen Schatten rühren, sind teilweise von ungeheurer Brisanz. Im Anpacken dieser schwierigen Fragen sind wir nicht immer so erfolgreich wie Deutschland gewesen. Ich glaube, hier können wir etwas lernen.


03 comments Send comment

  1. 01

    Sehr geehrter Herr Botschafter,

    mit dem “Deutschlandbild” haben Sie eine wirklich spannende Frage aufgegriffen! Und wenn ich ehrlich sein soll: ich glaube es gibt keins. Oder vielmehr: es gibt kein eineindeutiges.

    Und das ist vielleicht genau das, was Deutschland ausmacht und auch so faszinierend und spannend macht.

    Deutschland ist unglaublich komplex und vielfältig auf ganz, ganz vielen Ebenen: historisch, regional, geografisch, religiös, sprachlich, kulturell, politisch, was Ess- und Trinkgewohnheiten angeht genauso wie Traditionen usw.

    Wie sollte man daraus “EIN Deutschlandbild” generieren?

    Wenn ich versuche, Schweden Deutschland zu erklären, kommen wir oft gemeinsam zu dem Schluss, dass kein Mensch Deutschland in seiner Gesamtheit und Komplexität wirklich kennen kann! Und selbst das ist eine wertvolle Erkenntnis.

    Gleichwohl glaube ich, dass es neben all der regionalen Vielfalt, Haltungen und Wertvorstellungen gibt, die deutschlandweit geteilt werden und da kommen wir auf einmal eben doch zu einer “Nationalkultur”.

    Eine dieser Haltungen davon haben Sie angesprochen: die Gabe der (Selbst-)Kritik was z. B. die Aufarbeitung der Geschichte angeht. (Selbst-)Kritik zieht sich ja aber durch alle gesellschaftlichen Bereiche: Politik, Gesellschaft, Arbeitsleben…

    Wie alles, hat auch (Selbst-)Kritik Vor- und Nachteile. Einerseits spornt es (uns Deutsche) an, Verbesserungen zu entwickeln, andererseits wird Vieles auch kaputt geredet.

    Eine gesunde Mischung aus schwedischer Wertschätzung im Umgang miteinander und Konsenssuche sowie deutscher Kritikfähigkeit würde uns allen, glaube ich sehr, sehr gut tun.

    Nur wie kann man zu einem nachhaltigen, breiten und offenen Dialog (in der Gesellschaft) kommen?

    Ich persönlich glaube, dass wir auf ganz vielen Ebenen und in ganz vielen Bereichen voneinander lernen können! Das bedeutet aber zweierlei. 1. Wir müssen beide Länder und Kulturen GANZHEITLICH verstehen und 2. wir sollten die Stärken und Potenziale unserer Länder gemeinsam nutzen, um in der Gesellschaft und in Unternehmen neue Lösungen zu entwickeln.

    Da gibt es noch Spielraum und viel zu tun… Wie können wir’s anpacken?

    Schöne Grüße

    Uta Schulz
    http://www.svetys.net

  2. 02

    Liebe Frau Schulz,

    natürlich haben Sie Recht damit, dass es nicht nur eine, sondern 16 oder noch mehr Wirklichkeiten in Deutschland gibt. Daran werde ich jedes Mal erinnert, wenn ich Stuttgart, München, Leipzig oder Schwerin besuche. Ich liebe diese deutsche Vielfalt, und es ist eine wichtige Aufgabe der Botschaft, unseren Kontakten in Schweden verständlich zu machen, wie viele Gesichter Deutschland hat.

    Es ist ein spannender Gedanke, den Sie da verfolgen, „das Deutsche“ und „das Schwedische“ zu mischen. Das ist vielleicht nicht so ganz einfach, aber der Ausgangspunkt muss doch in jedem Fall sein, dass wir voneinander lernen können. Selbstkritik – in verträglichen Dosen – ist gut. Ich versuche täglich, mich darin zu üben…

    Mit freundlichen Grüßen
    Staffan Carlsson

  3. 03

    Vielen Dank für Ihre Antwort!

    Ich muss immer noch schmunzeln über Ihre Übungen in Selbstkritik… ;-)

    Ich glaube in der Tat, und meine Beobachtungen und Erfahrungen bestätigen das auch, dass ein bewusster Umgang mit den Stärken der deutschen und der schwedischen Kultur viel Potenzial erschließt und neue Impulse setzt: sowohl für jeden Einzelnen als Individuum als auch für Unternehmen.

    Im Bereich Gesellschaft und Politik können wir uns bestimmt auch gegenseitig inspirieren. Auf den Ebenen habe ich aber noch nicht so viel Erfahrung gesammelt.

    Aber: von nichts kommt nichts. Man muss sich schon die Zeit nehmen für Selbstreflexion und Reflexion über die andere Kultur.

    Mit Tiefgang, ganzheitlicher Sicht und systematischer Vorgehensweise kann man dann eine ganze Menge (neu) gewinnen. Auf alle Fälle erweitert der Ansatz den Horizont – auch wieder für jeden Einzelnen und für Unternehmen…

    Sehr spannendes Thema! Und Spaß macht es auch…

    Mit freundlichen Grüßen

    Uta Schulz
    http://www.svetys.net

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